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Reizdarmsyndrom

Allgemeines

Das Reizdarmsyndrom ist eine der häufigsten Erkrankungen des Magen-Darm-Traktes: 10 bis 15% der erwachsenen Bevölkerung sind davon betroffen. Typische Beschwerden sind Bauchschmerzen, veränderte Stuhlgewohnheiten (chronische Verstopfung, Durchfall oder abwechslungsweise beides) sowie Blähungen. Den Beschwerden liegt eine funktionelle Störung des Magen-Darm- Traktes zugrunde; eine organische Erkrankung (z.B. eine Entzündung oder Krebs) muss aber ausgeschlossen werden. Das Reizdarmsyndrom hat oft einen langjährigen Verlauf, wobei die Intensität der Beschwerden individuell verschieden ist und auch im zeitlichen Verlauf starken Schwankungen unterliegt. Frauen sind etwa zweimal häufiger betroffen als Männer; sie suchen zudem häufiger medizinische Behandlung. Das Reizdarmsyndrom erhöht weder das Risiko, an einem Tumor des Magen-Darm-Traktes zu erkranken, noch fördert es die Entwicklung von entzündlichen Darmkrankheiten wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Bei Patienten mit Reizdarmsyndrom ist die Lebenserwartung gegenüber der Allgemeinbevölkerung nicht eingeschränkt. Die Symptome des Reizdarmes können aber so ausgeprägt sein, dass die Betroffenen in ihrer Lebensqualität und Leistungsfähigkeit stark beeinträchtigt sind.

Zuletzt aktualisiert am 25.01.2018 von Mauro Peduzzi.

Symptome

Die Hauptsymptome des Reizdarmsyndroms sind Bauchschmerzen (abdominelle Schmerzen), die 3 Monate oder länger andauern oder episodenweise immer wieder auftreten und typischer Weise verbunden sind mit:

  • Schmerzerleichterung nach Stuhlentleerung
  • Veränderung der Stuhlhäufigkeit oder Stuhlkonsistenz (Durchfälle, Verstopfung oder Wechsel von Durchfällen und Verstopfung)
  • veränderte Stuhlpassage (starkes Pressen erforderlich), gesteigerter Stuhldrang oder Gefühl der unvollständigen Darmentleerung
  • Schleimbeimengungen im Stuhl
  • Blähungen
  • Gefühl des Aufgetriebenseins

Die Bauchschmerzen sind oft im Unterbauch lokalisiert, gelegentlich aber auch über das gesamte Abdomen verteilt, häufig krampfartig und in ihrem Ausmass zwischen mild und schwer wechselnd. Je nach Vorherrschen der Stuhlgewohnheiten eines Patienten kann eine Einteilung in ein Reizdarmsyndrom mit vorwiegend Verstopfung (Obstipation) oder vorwiegend Durchfall (Diarrhoe) oder in ein Reizdarmsyndrom mit alternierend Verstopfung und Durchfall erfolgen. Bei Patienten mit Reizdarmsyndrom sind weitere funktionelle Störungen des Verdauungstraktes wie Sodbrennen, Oberbauchschmerzen, Völlegefühl und Übelkeit häufiger als bei Gesunden. Diese Störungen werden auch als Reizmagen oder funktionelle Dyspepsie bezeichnet. Beschwerden des Reizdarmsyndroms beschränken sich auch nicht ausschliesslich auf den Magen- Darm-Trakt. Die Betroffenen fühlen sich oft müde oder abgespannt und klagen über:

  • Rückenschmerzen
  • Kopf- und Gliederschmerzen
  • Schlafstörungen
  • Angstgefühle, Nervosität
  • Beschwerden im Genitalbereich und Harnblasenstörungen

Zuletzt aktualisiert am 25.01.2018 von Mauro Peduzzi.

Diagnose des Reizdarmsyndroms

Die Diagnose eines Reizdarmsyndroms wird aufgrund der typischen Beschwerden gestellt. Nach internationaler Übereinkunft spricht man von Reizdarmsyndrom, wenn die Beschwerden für mindestens 3 Monate im vergangenen Jahr bestanden haben und wenn keine Hinweise für eine organische Ursache der Beschwerden vorliegen. Leider gibt es keinen spezifischen, einfachen Test für diese Krankheit. Man spricht deshalb oft von einer «Ausschluss-Diagnose ». Das bedeutet, dass erst dann die Diagnose «Reizdarm» zulässig ist, wenn andere, organische Ursachen für die Beschwerden ausgeschlossen sind. Zur Diagnosestellung sind verschiedene Laboruntersuchungen (Blut, eventuell Stuhl), häufig eine Ultraschalluntersuchung des Bauches (Abdomensonographie) und eine Spiegelung (Endoskopie) des Dickdarmes (Koloskopie) notwendig um organische Erkrankungen ausschliessen zu können. In Abhängigkeit von den Symptomen, vom Alter der Patienten und vom Krankheitsverlauf können auch weitere Untersuchungen, wie z.B. eine Spiegelung des oberen Verdauungstraktes (Magenspiegelung oder Ösophagogastroduodenoskopie) oder Röntgenuntersuchungen des Bauches erforderlich sein. Sind Durchfall und/oder Blähungen die vorherrschenden Symptome, sollte nach bestimmten Nahrungsunverträglichkeiten gesucht werden. Bei der Sprue (Zöliakie) führt eine Unverträglichkeit gegenüber Gliadinen, die in verschiedenen Getreidearten vorkommen, zu abdominellen Beschwerden.

Sprue (Zöliakie)

Symptome: Diarrhoe, Blähungen, Anämie, u.a.
Diagnose: Gewebs-Transglutaminase-AK erhöht (Blut); Zottenatrophie des Dünndarms (Endoskopie/Biopsie)
Ursache: Allergie gegen Gluten in Getreide (Weizen, Roggen, Hafer, Gerste und andere); genetische Disposition
Behandlung: glutenfreie Ernährung

Bei einer Unverträglichkeit von Milchprodukten sollte eine Laktoseintoleranz ausgeschlossen werden. Wenn eine Laktoseintoleranz alleinige Ursache der Beschwerden ist, wird eine entsprechende diätetische Therapie Symptomfreiheit bewirken.

Laktoseintoleranz

Symptome: Durchfall, Blähungen, Bauchschmerzen, Flatulenz nach Genuss von Milchprodukten oder Laktose-haltigen Nahrungsmitteln.
Diagnose: H2-Atemtest (Atemtest nach Einnahme von Laktose); Untersuchung der genetischen Disposition (Blut).
Ursache: Fehlen oder eingeschränkte Aktivität von Laktase, dem Milchzucker spaltenden Enzym, in der Dünndarmschleimhaut.
Behandlung: Meiden von Milchprodukten; Substitution von Laktase (Tabletten).

Bei einer Fruktoseintoleranz werden Reizdarm-ähnliche Symptome durch den Genuss von Fruchtzucker ausgelöst. Eine Fruktose- oder Laktoseintoleranz können aber auch zusätzlich zu einem Reizdarmsyndrom vorliegen und die Symptome verstärken.

Intestinale Fruktoseintoleranz

Symptome: Blähungen, Durchfall, Unwohlsein.
Diagnose: H2-Atemtest
Ursache: Malabsorption von Fruchtzucker (Fruktose) und Saccharose (Haushaltszucker besteht aus Glucose und Fruktose) im Dünndarm; bakterieller Abbau des in den Dickdarm übergetretenen Fruchtzuckers führt zu vermehrter Gasproduktion und Durchfall.
Behandlung: Ernährungsberatung; Reduktion oder Meiden von Fruktose; Verträglichkeitsgrenze individuell sehr unterschiedlich.

Das Ausmass der Untersuchungen, ehe der Arzt sagen kann «Es ist nichts organisches, aber Reizdarm» hängt von vielen Faktoren ab. Besonders wichtig ist es, sogenannte «Alarmsymptome» zu erfassen. Alarmsymptome, die weitere Untersuchungen erfordern, sind:

  • Blut im Stuhl, sichtbar als frisches Blut oder durch Schwarzfärbung des Stuhles oder okkult (d.h. unsichtbar und nur durch spezielle Untersuchung nachweisbar)
  • Gewichtsverlust
  • Blutarmut
  • Fieber
  • Störung der Nachtruhe wegen Durchfall oder Bauchschmerzen
  • relativ kürzlich aufgetretene Symptome oder Änderung der Symptome

Zuletzt aktualisiert am 25.01.2018 von Mauro Peduzzi.

Ursachen

Die genaue Ursache des Reizdarmsyndroms ist unbekannt. Wahrscheinlich spielen mehrere Faktoren bei der Entstehung dieser funktionellen Störung eine Rolle. In wissenschaftlichen Untersuchungen können Veränderungen der Motorik des Darms (Motilität des Darms), sowie der Reizwahrnehmung des Darmes (Sensorik des Darmes) festgestellt werden. Die Motilitätsstörung äussert sich in einer beschleunigten oder verzögerten Darmpassage des Stuhls. Patienten mit Reizdarmsyndrom zeigen im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit gegenüber Dehnungsreizen des Dickdarmes (Kolon) und Enddarmes (Rektum). Eine allgemein erhöhte Schmerzempfindlichkeit des Körpers besteht aber nicht. Die verstärkte Schmerzwahrnehmung im Darm kann durch eine Überempfindlichkeit des Magen-Darm-Traktes selbst, durch eine gestörte Schmerzverarbeitung im Gehirn (zentrales Nervensystem) oder aber durch eine gestörte Kommunikation zwischen dem zentralen Nervensystem und dem Nervensystem des Darmes entstehen. Der gesamte Verdauungstrakt besitzt ein eigenes Nervensystem (enterisches Nervensystem), das für eine geregelte Verdauung und für den normalen Transport von Nahrung und Stuhl verantwortlich ist. Dieses sogenannte Darmhirn kommuniziert laufend mit dem Kopfhirn, u.a. auch, damit die Darmfunktionen mit anderen Körperfunktionen koordiniert werden können. Wissenschaftliche Studien zeigten bei Patienten mit Reizdarmsyndrom eine veränderte Reaktion des Darmes auf verschiedene Stimuli wie Nahrungsaufnahme, fette Nahrung und Hormone. Beim Reizdarmsyndrom können als Ausdruck der Überempfindlichkeit des Darmes normale Verdauungsvorgänge als unangenehm oder schmerzhaft wahrgenommen werden. Auch emotionaler oder körperlicher Stress kann bei diesen Patienten zu einer gesteigerten Empfindlichkeit des Darmes und zu Störungen der Darmmotilität führen, wobei die Beschwerden durch Stress und psychische Belastung ausgelöst oder verstärkt werden. Stress als alleinige Ursache des Reizdarms ist aber unwahrscheinlich.

Zuletzt aktualisiert am 25.01.2018 von Mauro Peduzzi.

Medikamentöse Behandlung

Zur medikamentösen Behandlung des Reizdarmes werden je nach Beschwerdebild krampflösende Medikamente (Spasmolytika, Muskelrelaxantien), Phytotherapeutika, Probiotika, pflanzliche und synthetische Ballaststoffe bzw. Stuhlquellmittel und durchfallhemmende Substanzen eingesetzt. Bei Verstopfung werden vor allem Ballaststoffe und Quellmittel eingesetzt. Bei hartnäckiger Verstopfung kann zu Beginn auch eine Kombination mit anderen Abführmitteln erforderlich werden. Die Kombination von Stuhlquellmitteln als Basistherapie und Spasmolytika sowie Loperamid (Imodium®) hat beim Diarrhoe-dominanten Reizdarmsyndrom einen günstigen Effekt. Ein pflanzliches Kombinationspräparat aus den Extrakten von neun Heilpflanzen (Iberogast®) hat nachweislich eine regulierende Wirkung sowohl auf die beim Reizdarmsyndrom gestörte Darmmotilität, als auch auf die gesteigerte Schmerzempfindlichkeit des Darmes. Somit besteht ein therapeutischer Effekt bei Schmerzen, Blähungen und Stuhlunregelmässigkeiten. Zur Schmerzbehandlung werden neben Spasmolytika gelegentlich auch Antidepressiva eingesetzt, wobei die schmerzlindernde Wirkung dieser Medikamente ausgenützt wird, die bei einer sehr viel geringeren Dosis einsetzt, als zur Behandlung einer Depression erforderlich wäre.

[Tabelle]

Zu beachten: Aufgelistete Medikamente in wissenschaftlichen Studien zu Reizdarmsyndrom verwendet; nicht alle Medikamente einer Substanzklasse aufgeführt.

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Ernährung

Viele Patienten beschreiben eine Zunahme ihrer Beschwerden nach Genuss bestimmter Nahrungsstoffe wie Fett, Hülsenfrüchte, rohes Gemüse, Gewürze, Alkohol, Kaffee und Milchprodukte. Eine normale Nahrungsaufnahme verursacht Dickdarmkontraktionen und kann innerhalb von 30 bis 60 Minuten nach dem Essen zum Stuhldrang führen. Bei Personen mit Reizdarmsyndrom kann dieser Drang früher auftreten und von Krämpfen und/oder Durchfall begleitet sein. Bei starken Blähungen oder Durchfall nach Genuss von Milchprodukten kann eine Milchzuckerunverträglichkeit (Laktoseintoleranz) und nach Genuss von Früchten oder zuckerhaltigen Speisen eine Fruktoseintoleranz vorliegen. Echte Nahrungsmittelallergien sind beim Reizdarmsyndrom äusserst selten. Es gibt keine generelle Diätempfehlung, da der Einfluss der Ernährung auf die Reizdarmsymptomatik individuell sehr verschieden ist. Bei starken Beschwerden kann eine Ernährungsberatung hilfreich sein, die die individuelle Verträglichkeit bestimmter Speisen berücksichtigt. Das Führen eines Ernährungs-Tagebuches erleichtert dabei die Bestimmung der subjektiven Nahrungsintoleranz. Generell ist auf eine ausgewogene und ballaststoffreiche Ernährung zu achten.

Zuletzt aktualisiert am 25.01.2018 von Mauro Peduzzi.

Psychotherapie

Bei allen funktionellen Erkrankungen können psychische und psychosoziale Faktoren eine Rolle spielen. Bei intensiven, langanhaltenden Beschwerden kann eine psychosomatische oder psychotherapeutische Abklärung und Behandlung erforderlich sein. Die psychotherapeutische Behandlung bei Patienten mit Reizdarmsyndrom begründet sich nach heutigem Wissensstand darauf, dass psychische Faktoren (Stress und belastende Lebensereignisse) das Krankheitsverhalten beeinflussen können.

Zuletzt aktualisiert am 25.01.2018 von Mauro Peduzzi.

Alternativ-medizinische Methoden

Sowohl Akupunktur als auch die Behandlung mit Hypnose (Hypnotherapie) können einen günstigen und langanhaltenden Effekt auf die Reizdarmsymptomatik ausüben.

Zuletzt aktualisiert am 25.01.2018 von Mauro Peduzzi.

Leben mit Reizdarm, Ziel der Behandlung und Prognose

Die Ursache des Reizdarmsyndroms ist unbekannt und es gibt keine «Heilung» für diese Krankheit. Aber, das Reizdarmsyndrom ist keine gefährliche Erkrankung und führt nicht zu Krebs. Trotzdem kann es die Lebensqualität, Leistungs- und Arbeitsfähigkeit stark beeinträchtigen. Die Beschwerden können über einen sehr langen Zeitraum (Jahre) bestehen und während dieser Zeit an Intensität zu- oder abnehmen. Auch längere beschwerdefreie Phasen sind häufig. Die Hälfte der Betroffenen wird über einen Zeitraum von 5 Jahren spontan oder nach entsprechender Behandlung wieder beschwerdefrei. Die Behandlung des Reizdarmes richtet sich nach den vorherrschenden Symptomen, mit dem Ziel, Schmerzen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung zu beseitigen oder zumindest zu lindern. In Abhängigkeit vom Schweregrad der Erkrankung und den vorwiegenden Symptomen wird ein individueller Therapieplan erstellt. Wichtig für den Behandlungserfolg ist, dass die Betroffenen über den gutartigen Charakter des Reizdarmsyndroms aufgeklärt werden, insbesondere um Ängste vor einer schweren Erkrankung (v.a. Krebsangst) zu nehmen. Der weitaus grösste Teil der Patienten leidet an leichten Symptomen, die durch ärztliches Gespräch, medikamentöse Behandlung und Vorschläge zur Änderung der Ernährung und des Lebensstils deutlich gebessert werden können. Nur eine sehr kleine Anzahl an Patienten (3–5%) hat ein schweres Reizdarmsyndrom. Bei diesen Patienten können die therapieresistenten Schmerzen mit psychosozialen Problemen assoziiert sein.

[Glossar]

[Links]

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